Übernahme im Krankenhaus

Rett-Med.de: Rettungsdienstportal mit Forum, Facharbeitendownload und Knowledgebase

Moderator: DMF-Team

jenni12
Topicstarter
Interessierter
Beiträge: 11
Registriert: 01.01.10, 20:40
Wohnort: Bayern

Übernahme im Krankenhaus

Beitrag von jenni12 » 16.01.10, 18:38

Hallo,

ich als Neuling in der Rettungsmedizin habe nun die ersten Dienste hinter mir.
Gestern hatte ich einen interessanten, wenn auch sicher nicht seltenen Fall, der mir aber aufgrund der Übergabe-Situation im Kh dann doch noch zu denken gab.
Ich wollte mich mal umhören, was da "normal" oder üblich ist...

Der Fall: 40jähriger männl. Patient mit akut aufgetretenen retrosternalen Schmerzen wie sehr schlimmes Sodbrennen, bis hin zur Todesangst, erstmalig so stark - auf genaue Nachfrage habe er in den Wochen davor lediglich "sowas wie Sodbrennen" bemerkt. Starker Raucher, Hypercholesterinämie.
Bei Eintreffen stabiler Patient, jedoch kaltschweißig und fahle Blässe. SpO2 und Kreislaufwerte in der Norm, im 12Kanal-EKG GANZ EINDEUTIGE Hebungen über II,III - Brustwandableitungen leider verwackelt, aber soweit beurteilbar indirekte Infarktzeichen über V1,V2. Ich mus ehrlich sagen - so eindeutig hatte ich das live noch nie gesehen! Und auf dem Monitor noch wesentlich besser zu sehen, als auf dem Ausdruck.
Für mich war das ein akuter STEMI. Dementsprechend haben wir mit ASS; Heparin-Bolus, initial bei guter RR-Situation noch Nitrospray sowie Morphin zur akuten Schmerzlinderung und O2-Gabe therapiert. Der NEF-Fahrer hat in dieser Zeit via Leitstelle nach Herzkatheter-Platz gefahndet (es war zu diesem Zeitpunkt ca. 22:15 Uhr).
Theoretisch gab es zwei Möglichkeiten, das eine größere Kh bot den Hintergrunddienst an - Fahrt bis dorthin ca. 20 min. mit Blaulicht.

Pat. blieb stabil für den gesamten Transport. Auf dem Monitor waren die Hebungen über III durchgehend gut zu sehen. Ausgedruckt hatten wir außderdem drei Streifen (initial, dann mittendrin und schließlich vor der Abfahrt).
Während der Fahrt wurde ich von der Leitstelle gebeten, mit der Klinik Kontakt aufzunehmen. Der Kollege aus der Klinik fragte mich div. Dinge (vor allem: sind sie ganz sicher, dass das Hebungen sind? - auch nach dem zweiten Mal bestätigen), war aber recht mürrisch und meinte, sein Hintergrund für den Herzkatheter würde das alles wissen wollen - okay.

Dort angekommen wurden wir von SEHR mürrischen Kollegen empfangen - man nahm mir die Ausdrucke ab, zuckte mit den Schultern... Was mich dann aber echt irgendwie gestört hat, war der Kommentar frei nach "wenn der jetzt keine Hebungen hat, dann könnt ihr was erleben..." Der Hintergrunddienst war noch nicht da, wollte wohl erst kommen, wenn seine Kollegen die Hebungen bestätigen.
Zu diesem Zeitpunkt war es noch vor 23 Uhr. Ich kann verstehen, dass man als Hintergrund nicht gerne umsonst kommt, aber ich denke, das rechtfertigt nicht diesen Umgang. Letztendlich tut hier jeder sein bestes, oder?
Ich hab mich bemüht, dass wir so wenig Zeit wie möglich zum herzkatheter verlieren. Mir kann es dann zwar egal sein, wie lange deren door-to-needle-Zeit ist, aber ist das okay?

Hinterher haben mir meine RTW-Besatzung und mein Fahrer erzählt, dass mein Empfang ja noch "fürstlich" war im Vergleich zu dem, was man sonst manchmal dort erlebt.

Vielleicht bin ich da zu sensibel?
Oder ich war angesichts meiner Unerfahrenheit da so perplex, dass ich nicht großartig gegengemecktert habe. (Hätte ich aber angesichts orientiertem und hellwachem Patienten vermutlich sowieso nicht...)

Ist das normal? Bzw. haben andere ähnliche Erfahrungen, das man im Kh gerne ein wenig herablassend behandelt wird? Wir "Landnotärzte", die an in eine große Kinik transportieren???
(Ich kenne dort niemanden persönlich, die mich auch nicht... Daran kann es also nicht liegen)
noch neu, aber lernwillig :-)

VK-Retter
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 275
Registriert: 05.11.06, 22:59
Wohnort: Köln/Magdeburg

Beitrag von VK-Retter » 16.01.10, 20:18

Leider kommt so etwas durchaus vor.
Sollte aber nicht. Nicht umsonst sind wir in Deutschland stolz auf ein NotARZT-System.
Das noch auf der Anfahrt ein Arzt-Arzt Gespräch geführt wird ist gut und üblich. Nur sollte es eben den Zewck haben ewaige Unklarheiten zu beseitigen, damit ein weiterer Zeitverlust verhindert wird. Und ganz ehrlich, wenn Arzt A (Notarzt) eine ST-Hebung diagnostiziert und Arzt B (AvD Katheter) dies in einem Telefongespräch bestätigt, dann kann ich absolut nicht verstehen warum der Hintergrund vor Ort zusätzlich noch eine "vor Ort" Bestätigung verlangt/abwartet. Denn dafür brächten wir keine Notärzte und keine präklinische (Verdachts)Diagnosen.
Das darf nicht sein, da so deutliche Zeitverzögerungen entstehen!
Und auch wenn die hausinterne door-to-needle Statistik "uns" erst mal egal sein kann, es geht dabei letztendlich nicht um Zahlen, sondern um Myokardzellen und daher Patientenleben!
Ich halte so etwas für grob fahrlässig (was wenn der Pat in der Wartezeit dekompensiert wäre?)
Das ist weder der Sinn eines Notarztsystems, noch einer koordinierten Absprache.

Ich würde die Angelegenheit zumindest im Hinterkopf behalten und mal mit einem erfahrenen (Notarzt)Kollegen besprechen - und bei Wiederholung das Gespräch mit dem Vorgesetzten/Ärztlichen Leiter suchen.

Aus reiner Neugierde:
Warum habt ihr keinen b-Blocker gegeben? Oder hast Du nur vergessen das zu erwähnen?

Hoffentlich hast Du in Zukunft nettere Übergaben :-)
Quid pro quo?

jenni12
Topicstarter
Interessierter
Beiträge: 11
Registriert: 01.01.10, 20:40
Wohnort: Bayern

Beitrag von jenni12 » 16.01.10, 22:02

VK-Retter hat geschrieben:
Aus reiner Neugierde:
Warum habt ihr keinen b-Blocker gegeben? Oder hast Du nur vergessen das zu erwähnen?


erwischt... :oops:
naja, nicht ganz... mir kam zwischendurch schon der Gedanke, aber der Patient war nicht tachykard, zwar auch nicht ausgesprochen langsam, aber es war, sag ich mal "okay".
Ich hab das kurz überlegt, es dann aber bleiben lassen, weil ich die stabile Kreislaufsituation nicht gefährden wollte.

Gilt das als Standard (ausgenommen vorhandene Kontraindikationen)?

(Da sieht man mal: ich bin eben noch Neuling... :oops: )
noch neu, aber lernwillig :-)

VK-Retter
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 275
Registriert: 05.11.06, 22:59
Wohnort: Köln/Magdeburg

Beitrag von VK-Retter » 16.01.10, 22:56

Ja, prinzipiell ist ein b-Blocker als Standart bei ACS zu nennen. (DGK/ERC)
Es wurde nachgewiesen das er protektive Wirkung auf das Myokard hat und sowohl Inzidenz, als auch Größe einer Vernarbung positiv beeinflusst. D.h. beim ACS muss keine Tachykardie als Indikation vorliegen.
Letztendlich ist es aber immer eine Abwägung des behandelnden Arztes/des Teams vor Ort. Schließlich kann nur der Einschätzen wie es dem Patienten geht und was für Risiken zutreffend sind.

Ich weiß nicht ob Du den Mekrspruch MONA BH kennst, aber der ist ganz nützlich um beim ACS nichts zu vergessen.

M - Morphin
O - Oxygen
N - Nitro
A - ASS

B - b-Blocker
H - Heparin

Als kleine Anregung - ich weiß ja nicht ob ihr das präklinisch überhaupt habt - könnte man bei einem STEMI auf dem Weg zur PCI auch an Clopridogel denken.

Ich glaube in der Notfallmedizin ist man immer irgendwie Neuling - das ist ja auch das schöne daran :wink:
Es gibt immer (wieder) Neues und Unbekanntes.
Quid pro quo?

mbela
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 299
Registriert: 27.02.06, 11:39
Wohnort: Reutlingen (D Ba-Wü)
Kontaktdaten:

Beitrag von mbela » 17.01.10, 01:38

Die Kardiologen bei uns streben eine HF von 55 an, andere lassen es wie Sie weg. Aber auch bei uns ist das mit dem Hintergrunddienst oft so, oder war es gar bei uns? Deswegen bin ich ein Fan der Telemetrie, EKG an den Diensthabenden faxen, Klinik, Anamnese und Maßnahmen per Telefon dazu und schon isses einfacher.

Grüße
Lehrrettungsassistent / ILS-Disponent / QMB
"Gut gemeint" ist nicht gut genug.
Skype: m.bela77

jenni12
Topicstarter
Interessierter
Beiträge: 11
Registriert: 01.01.10, 20:40
Wohnort: Bayern

Beitrag von jenni12 » 17.01.10, 09:44

Vielen Dank für Ihre Antworten.
Jetzt bin ich froh, dass ich mich hier angemeldet und mal nachgefragt hab...

@vk-retter: Ja, MONA BH war mir geläufig. Irgendwie hab ich mich einfach nicht getraut mit dem beta-Blocker. Aber das behalte ich fürs nächste Mal im Hinterkopf. Ich hab da gestern noch viel drüber sinniert.
Was mich stutzig gemacht hat: wenn ich den Pat. betablockiere und er muss dann wegen plötzlichen Flimmerns oderoderoder reanimiert werden, verbaue ich mir da nicht die Rezeptorwirkung meines Katecholamins, sprich Supra?

@mbela: unser Lifepack wäre dazu prinzipiell in der Lage, nämlich mit Bluetooth-Schnittstelle und sonstigem Schnickschnack - aber das bringt uns leider nichts, wenn wir nicht das Gerät zum weitersenden haben. Ich seh das schon genauso - in so einem Fall wäre jegliche Unklarheit beseitigt - und damit vielleicht auch die Athmosphäre etwas besser...?
noch neu, aber lernwillig :-)

Land-Ei
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 144
Registriert: 25.05.06, 16:06
Wohnort: Bayern

Beitrag von Land-Ei » 17.01.10, 16:19

Hallo,

Vorgehen bei STEMI bei uns:
Telefonat Arzt-Arzt direkt ohne Umwege.
Wenn möglich, faxen des EKGs direkt ans Katheterzentrum.
Der Patient wird dann, je nach Kapazität entweder direkt auf die kardiologische Intensiv oder direkt ins Herzkatheterlabor gebracht, kein Halt in der Notaufnahme.

Die Door-to-Balloon-Zeit ist ein Problem der aufnehmenden Klinik. Dort ist meist Optimierungsbedarf.

Medikation:
Wir haben hier über "MONA", Clopidogrel, Metoprolol bis zur Lyse alles im NEF.

Problem: EKG-Erkennung und manche NAs.
Ohne FAX darf man selten direkt ins Katheterlabor, denn es gibt leider Kollegen, die können einen STEMI nicht sicher erkennen. Da hat es früher viele "Falschalarmierungen" der Katheter-Mannschaft gegeben, und wenn die mal 2-3* nächtens von daheim umsonst in die Klinik fahren dürfen, macht das böses Blut.

Ein Fax läßt sich fast immer irgendwie organisieren, und da wir auf dem Landweg bis zum nächsten Katheterplatz meist 30-60 Minuten Fahrtzeit haben, kann da einiges organisiert werden (Gaststätten und Hotels haben meistens FAXe, auch Privatmenschen immer öfter, nächstgelegene POL etc. Der Kreativität des faxens kann man da freien Lauf lassen...)
Der große Vorteil am gefaxten EKG ist die Sicherheit, daß es wirklich ein STEMI ist.

Unfreundlichkeit ist in der Notfallmedizin fehl am Platz, wir wollen doch eigentlich alle nur das Beste für unsere Patienten...

Über Jahre hinweg hilft für freundlichere Aufnahmen vor allem präklinisch gute Qualität und Überzeugung der Chefs...

Grüße,

Land-Ei

VK-Retter
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 275
Registriert: 05.11.06, 22:59
Wohnort: Köln/Magdeburg

Beitrag von VK-Retter » 18.01.10, 12:11

Ich denke das zeigt ganz klar eins der großen Probleme im deutschen Rettungsdienstsystem:
Fehlende Qualitätskontrolle. Nicht nur was das Rettungsfachpersonal angeht, sondern auch das ärztliche Personal.
Es gibt sicherlich Regionen in denen der ÄLRD gut auf seine Leute achtet, aber viel zu häufig sind Notärzte einfach irgend welche Ärzte die irgendwann (oder auch gerade eben erst) ihre Fortbildung gemacht haben und dann ohne wenn und aber auf die Menschheit (Patienten) losgelassen werden. Es ist sicherlich richtig das jeder mal (klein) anfängt, aber es scheint so zu sein, das viele auch nicht wirklich dazu lernen können (wollen).
Nicht zuletzt weil sie eigentlich gar kein NA fahren wollen, sondern müssen.

Ich denke das neben einer fundierten Aus- und Weiterbildung auch Interesse und Motivation notwendig ist um ein fähiger Rettungsdienstler zu werden/sein.
Und das gilt genau so für RettAss, wie auch Notärzte!
Es kann nicht sein das ein Notarzt nicht in der Lage ist eine ST-Streckenhebung zu erkennen. Mal ganz abgesehen davon, dass es ja durchaus auch NSTEMIs gibt die eine klare Katheterindikation darstellen.
Denn Telemetrie ist eine gute Sache, aber letztendlich trifft der Arzt vor Ort die Entscheidungen. Und wenn es wirklich mal (wieder) knallt, dann muss man vor Ort nicht nur Entscheidungen treffen, sondern auch handeln - ob das einem Arzt zuzutrauen ist, der nicht mal grundlegend EKGs lesen kann wage ich zu bezweifeln.

Entweder man ändert also etwas an der Verosrgungsqualität vor Ort - und damit auch an den Menschen und ihren Fähigkeiten, oder wir können wirklich auf ein vernetztes Paramedicsystem umsteigen. Dann brauchen wir meiner Meinung nach keine Notärzte mehr - denn die sind dann nur noch teuer! Ob das Sinn der Sache ist??

Bei Interesse zu Telemetrie: Telenotarzt.de (http://www.medonaix.de/)
Quid pro quo?

jenni12
Topicstarter
Interessierter
Beiträge: 11
Registriert: 01.01.10, 20:40
Wohnort: Bayern

Beitrag von jenni12 » 18.01.10, 13:30

@vk-retter: meines Wissens wird ja schon lange die Qualität im Notarztwesen diskutiert, oder?

Ich selbst bin seit Jahren in der Anästhesie tätig und habe sicherlich für vieles das Handwerkszeug - trotzdem habe ich vor den ersten Einsätzen einen Heidenrespekt gehabt, wie wild gelesen und mein Wissen versucht aufzupolieren.
Und auch weiterhin habe ich Respekt vor meiner NA-Tätigkeit. Ich lese und stöbere auch hier rum, um mich zusätzlich zu wappnen.
Aber so richtige "Manöver-Kritik" gibt es halt nunmal nicht. Also im sinne von: was ist gut gelaufen, was war verbesserbar? So läuft es in der klin. Ausbildung bei uns doch auch - warum nicht hier? Das habe ich z.B. nach den ersten Einsätzen vermisst. So könnte man durchaus an Sicherheit und Erfahrung gewinnen.

Das schweift leider von meinem Thema ab, nämlich der Übernahme in der Klinik. Sicherlich ist die Art, wie man empfangen wird, von deren Erfahrungen und der Anzahl Fehlalarmierungen für Herzkatheter abhängig. Aber andererseits: es ist ihr Job, sehen wir es mal so. Und wenn ich im OP nachts um 4 Uhr für einen Betrunkenen da sein muss, der ein offenes Sprunggelenk hat, und mich mit ihm und seinem Suff rumärgern muss, dann ist das auch nicht der Brüller, aber ich tue es, und auch so professionell wie möglich. Ansonsten hätte ich meinen Beruf verfehlt...
noch neu, aber lernwillig :-)

VK-Retter
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 275
Registriert: 05.11.06, 22:59
Wohnort: Köln/Magdeburg

Beitrag von VK-Retter » 18.01.10, 15:56

jenni12 hat geschrieben: es ist ihr Job, sehen wir es mal so. Und wenn ich im OP nachts um 4 Uhr für einen Betrunkenen da sein muss, der ein offenes Sprunggelenk hat, und mich mit ihm und seinem Suff rumärgern muss, dann ist das auch nicht der Brüller, aber ich tue es, und auch so professionell wie möglich. Ansonsten hätte ich meinen Beruf verfehlt...


Ganz deiner Meinung!!
Quid pro quo?

S_Steingrobe
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 262
Registriert: 13.07.08, 20:59
Wohnort: Queensland - Australien

Beitrag von S_Steingrobe » 09.02.10, 10:54

Hallo,

ich finde es gut, wenn man sich selbst reflektiert, so wie das Jenni12 hier gemacht hat und nicht einfach drauf los therapiert. Jeder muss step by step seine Erfahrungen machen und daraus lernen.
Daumen hoch.

Zu dem Thema Betablocker und Supra: Supra gilt auch als das Antidot gg. Betablockerintox. Sollte hier der Patient reanimationspflichtig werden, ist die Möglichkeit immer noch gegeben, das Supra in der entsprechenden REA Dosis noch wirken wird. Weiterhin müssen wir uns auch die Frage stellen, ob Supra wirklich Sinn macht, denn nach den Norwegischen Studien der AHA etc. hat die Gabe von Supra im Gegensatz zu der nicht gegebenen Supragabe keine signifikanten Unterschiede im Outcome gezeigt. Man geht davon aus, das es ggf. bei einer Novellierung ganz rausfliegen wird. (Vermutung)

Nun zum NA:
Wir betreiben bei uns in Berlin als einziges Zentrum der Stadt, den Notarztkurs für das Erlangen der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.
Wenn ich mir dann allerdings bundeslandspezifische Details für die praktischen Skills anschaue, frage ich mich dennoch, warum man als Arzt mehr Therapiefreiheiten haben soll, als der RA.
Studium ist für mich nicht das ausschlaggebende, da hier die Kollegen Sachen gelernt haben, die nicht nofallmedizinisch von Bedeutung sind (habe selbst Medizin studiert, 9. Sem.)
Es werden gefordert für die Notarzttätigkeit: 18 Monate klinische Tätigkeit, 10 lebensrettende Einsätze, 25 nachgewiesene Intubationen sowie 2 Thoraxdrainagen.
Olé, damit darf man dann als Assistenzarzt draussen munter Narkosen machen und Patienten therapieren.
Wir sagen unseren RA´s, dass man nach ca. 300 Intubationen sicher intubieren kann, aber anscheinend bekommt das der NA ohne Übung hin.
Ich verstehe hier einfach nicht, wie man solche Zugangsvoraussetzungen, für ein Fachfeld der Medizin herausgibt, das sicherlich NICHTS für den Anfänger ist.
So möchte ich mit den Worten meines ehemaligen ärztl. Leiters aus Deutschland schließen:" Hätten wir nicht so gute Rettungsassistenten auf dem RTW und NEF, so wären viele Notärzte jeden Tag auf verlorenem Posten!", dieses er seinen Notärzten auf einer Weiterbildung kund tat.

Mfg

S.Steingrobe
Advanced Care Paramedic - Queensland Ambulance Service (Australia)

Land-Ei
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 144
Registriert: 25.05.06, 16:06
Wohnort: Bayern

Beitrag von Land-Ei » 09.02.10, 14:09

S_Steingrobe hat geschrieben:Hallo,
Nun zum NA:

Es werden gefordert für die Notarzttätigkeit: 18 Monate klinische Tätigkeit, 10 lebensrettende Einsätze, 25 nachgewiesene Intubationen sowie 2 Thoraxdrainagen.
Olé, damit darf man dann als Assistenzarzt draussen munter Narkosen machen und Patienten therapieren.


Die notärztliche Qualifikation ist doch deutlich verbessert worden:
für den NA sind inzwischen gefordert:
(außer abgeschlossenem 6 jährigen Hochschulstudium und Approbation als Arzt...)
- mind. 24 Monate ärztliche Tätigkeit in der unmittelbaren Patientenversorgung und davon
- mind. 6 Monate in der Anästhesie, Intensivmed. oder Nothilfe
- ein 80-Stunden-Kurs
- 50 Notarzteinsätze unter NA-Anleitung begleiten
- eine Prüfung
weitere Weiterbildungsinhalte, bevor man die Zusatzbezeichnung führen darf:
Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in
- den rechtlichen und organisatorischen Grundlagen des Rettungsdienstes
- der Erkennung und Behandlung akuter Störungen der Vitalfunktionen einschließlich der
dazu erforderlichen instrumentellen und apparativen Techniken wie
- endotracheale Intubation
- manuelle und maschinelle Beatmung
- kardio-pulmonale Wiederbelebung
- Punktions- und Katheterisierungstechniken einschließlich Anlage zentralvenöser
Zugänge und Thoraxdrainage
- der Notfallmedikation einschließlich Analgesierungs- und Sedierungsverfahren
- der sachgerechten Lagerung von Notfallpatienten
- der Herstellung der Transportfähigkeit
- den Besonderheiten beim Massenanfall Verletzter und Erkrankter einschließlich Sichtung

da hat man schnell mal mindestens 8 Jahre beieinander, bevor man nach der Schule als NA tätig sein darf, Beginn frühestens im Alter von 26 Jahren

es gibt halt solche und solche...

wenn man die RA Ausbildung anschaut, dann sind die Minimalanforderungen auch nicht gerade üppig
2 Jahre Ausbildung...
Beginn schon mit 19-20 Jahren möglich

auch da gibt es solche und solche

bitte nicht schon wieder pauschal auf alle Ärzte hauen, wir hauen ja auch nicht pauschal auf alle RA und RS.

Im Krankenhaus fordert man "Facharztstandard" - das sollte für die Präklinik auch gelten - ich denke, da sind wir uns einig.

Grüße,
Land-Ei

S_Steingrobe
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 262
Registriert: 13.07.08, 20:59
Wohnort: Queensland - Australien

Beitrag von S_Steingrobe » 09.02.10, 15:42

Hallo,

nein es liegt mir fern hier meine Fliegenklatsche auszupacken und auf alle Notärzte zu hauen. Ich freue mich über jeden NA mit Facharztstatus (also wirklich einem Facharzt und nicht einem gefühlten Facharztstatus) der durch jahrelange Erfahrung und Weiterbildung innerklinisch und jetzt auch präklinisch ein Fachmann für Notfallmedizin ist (der Facharzt für diesen Bereich ist längst überfällig).
Ich freue mich nicht über Assistenzärzte im 1. oder 2. Jahr, meist dann wohl eher 2. Jahr, die mich hilfesuchend anschauen, wenn es um eine Infarkttherapie geht, oder die RSI bei einem Polytrauma. Hier wird schnell aus lebensnotwendigen Maßnahmen eine Load-and-Go Indikation und sinnvolle, bzw. wichtige Maßnahmen werden aufgrund von mangelnder Erfahrung unterlassen. Das kann eben nicht der Sinn sein.

Ich denke, dass wir da konform gehen, was sie bezüglich des Facharztstatus sagen. In der Klinik kann ich immer einen OA hinzuziehen. Ich habe ganzh andere Möglichkeiten als in der präklinischen Situation. Gerade deswegen muss der Arzt ein Profi sein, der sich damit auskennt und kein Newbie ist, der gerade angefangen hat. Für Arzt und Patient bedeutet das deutlich weniger Stress.

Hier nochmal die aktuellen Informationen dazu aus dem Bundesland NRW:
Fachkundenachweiß Notfallmedizin:
(80-Stunden-Kurs, Einsatzpraktikum mit zehn lebensrettenden Einsätzen, klinische Zeit 18 Monate, davon drei Monate Intensiv, Anästhesie oder zentrale Notaufnahme in Vollzeit, mit attestierten 25 Intubationen, 50 Zugängen und zwei Thoraxdrainagen und dem zertifizierten Reanimationsstandard)
Somit kann ich damit genauso auf dem NEF sitzen, wie mit einer Zusatzbezeichnung (ihre Beschreibung). Klar tendiert man zu der aufwendigeren Qualifikation, doch wird in Zeiten von Notarztmangel gerne auch derjenige aufs NEF genommen, der überhaupt gerade eine NA-Qualifikation besitzt. Das kann aber keine Sicherstellung einer minimalen Qualität bedeuten.

Das wir mit den Rettungsassistenten international weit abgeschlagen da stehen, was die Ausbildung anbelangt.....auf jeden Fall. Die Top Länder (CANADA; AUSTRALIEN, UK, SÜDAFRIKA und USA) stehen weit über unserer rettungsdienstlichen Ausbildung. Hier muss man 3 Jahre auf Bsc studieren und erlangt dann den Bsc in Emergency Medicine. Alles andere ist auch in diesem Bereich nicht mehr sehr professionel und der Zeit angemessen. Die wachsende Erwartung, fachliche Eignung und das daraus resultierende Wissen ist kaum noch in einer klassischen 3 Jährigen Ausbildung zu erlernen. Eine vorangegange Berufsausbildung plus 3 Jahre Bsc können die Qualität verbessern und hier den Rettungsdienst endlich professionalisieren. Weg vom Ehrenamt und den ganzen Problemen, die uns die HiOrgs und Feuerwehren durch die Nörgelei bei zu langer Ausbildungszeit schaffen. Wurscht! Hier gehts um die Zukunft einer sehr interessanten und vielseitigen Berufsgruppe, nicht um die Probleme Ehrenamtliche für teilweise sehr fragwürdige Aufgaben zu rekrutieren. Dieses sollte nun endlich der Vergangenheit anghören, sofern wir uns auf das Niveau internationaler professioneller Länder stellen und unsere Fachkräfte davon abhalten wollen, ins Ausland zu gehen.

Mit freundlichen Grüßen,

S.Steingrobe
Advanced Care Paramedic - Queensland Ambulance Service (Australia)

mbela
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 299
Registriert: 27.02.06, 11:39
Wohnort: Reutlingen (D Ba-Wü)
Kontaktdaten:

Beitrag von mbela » 09.02.10, 17:40

Es weicht mal wieder vom Thema ab, dennoch muss ich mit einsteigen.

Solange Ärzte in Not neben mir einsteigen, die den Dienst mit den Worten beginnen, dass die Medikamente mit A nicht so ihre Stärke wären und das weisse Zeug zum Narkose machen, damit würde er sich nicht auskennen, solange muss ich mich weiterbilden um solche Missstände ausbügeln zu können. Klar, dass der erste Einsatz mit diesem NA ein Polytrauma war. Aber man hats ja hinbekommen und reflektieren tun die wenigstens. Im nächsten Einsatz wurde dann der kardial dekompensierte Patient im kardiogenen Schock mit Atropin behandelt um den Blutdruck zu steigern!?

Ich könnte die Geschichten dieser Nacht noch ausdehnen, aber es dürfte klar sein, dass dieser NA auf der Strasse nichts zu suchen hat. Ein Gespräch mit dem Leiter des NA-Standortes ergab dann... nichts. Der NA fährt weiter, man kann sich gegenseitig ja nicht auf den Schlips treten. Früher oder später kostet es ein Leben, aber solange man ruhig schlafen kann....

Andererseits wird ein Kollege nach Nichtbeginnens einer Reanimation (keine sicheren Todeszeichen, ethischer Beweggrund) fristlos gekündigt wegen Unterlassung.

Aktuell ist in D das System in allen Bereichen (Rettungsfachpersonal/Notärzte) so unterschiedlich, dass man nur den Kopf schütteln kann.

Bleibt zu sagen wir sind alle Menschen mit unseren Stärken und Schwächen, solange der NA Dienst aber als notwendiges Übel der Klinik angesehen wird und die blutigen Anfänger und eingerosteten alten Hasen neben den wirklich guten NAs fahren dürfen, solange braucht sich niemand darüber zu beschweren, dass gut aus- und weitergebildetes Rettungsfachpersonal nach mehr Kompetenzen schreit. Weil nur zu oft sieht man,dass man den Notfall ohne NA wohl besser versorgt hätte, leider. Klar gibt es auch auf Seiten des Rettungsfachpersonals viele, die den hohen Ansprüchen nicht gerecht werden können, aber ein RettAss muss ja auch nichts können, zumindest nach der aktuellen Berufsausbildung (Lernziel).

Zum davonlaufen... Ausland ich komme! Vielleicht:)

Sorry fürs off topic, aber die Zugfahrt ist so lang :)

Grüße

Markus Bela
Lehrrettungsassistent / ILS-Disponent / QMB
"Gut gemeint" ist nicht gut genug.
Skype: m.bela77

VK-Retter
DMF-Mitglied
DMF-Mitglied
Beiträge: 275
Registriert: 05.11.06, 22:59
Wohnort: Köln/Magdeburg

Beitrag von VK-Retter » 10.02.10, 22:32

Weil es ja mittlerweile zum Thema passt eine Frage die ich mir immer wieder stelle:
Was würdet ihr denn idealerweise als Voraussetzung für den NA geltend machen, wie seine Ausbildung/Weiterbildung gestalten - denn auch wenn FA Status sicherlich eine gute Sache ist müsste ja auch ein klinisch erfahrener Arzt an die präklinische Notfallwelt herangezogen werden.. er müsste quasi wieder als Assistent anfangen...
Wie sehen eure Vorstellungen, Ideen, Anregungen und Utopien aus?
Quid pro quo?

Antworten