Eine ehrliche gesundheitspolitische Aussage

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Timmie2
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Re: Eine ehrliche gesundheitspolitische Aussage

Beitrag von Timmie2 » 24.04.15, 22:55

Der Steuerzahler zahlt lediglich einen Teil der versicherungsfremden Leistungen und das sind auch keine Almosen. Es ist nicht Aufgabe der Beitragszahler gesamtgesellschaftliche Leistungen zu finanzieren, diese wurden nur aus gesellschaftspolitischen Gründen auf die Krankenkassen übertragen. 2010 wurden allein an familienpolitischen Leistungen geschätzte 33,2 Mrd. über GKV-Beitragszahler finanziert, der Bund (Steuerzahler) übernahm davon noch nicht einmal ein Drittel.

Der Bund bedient sich dafür pauschaler Abgeltungen, die je nach Haushaltslage und Wetterbericht festgelegt werden ohne dass sie je die anfallenden Kosten gedeckt hätten. Der pauschale Zuschuss ist war im SGB V (§ 221) verankert, es existiert aber weder eine rechtsverbindliche Aufschlüsselung noch handfeste Zahlen, obwohl derlei Forderungen seit langem vorliegen.

Als der Gesundheitsfond Überschüsse aufwies, was nicht zuletzt an der gestiegenen Bruttolohnsumme lag, wurden die pauschalen Abgeltungen sukzessive wieder gestrichen mit der Begründung (Gröhe), die Kassen würden dafür mit Finanzmitteln aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds gespeist. Diese Überschüsse kommen aber aus den Taschen der Beitragszahler und sind nicht für das Stopfen von Haushaltslöchern gedacht. Derlei Lastenumverteilung ist ebenso in der Rentenversicherung zu beobachten. Die Bundesregierung konsolidiert ihren Bundeshaushalt auf Kosten der Beitragszahler.

Christianes Herz
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Re: Eine ehrliche gesundheitspolitische Aussage

Beitrag von Christianes Herz » 25.04.15, 01:31

Es geht ja hier um die Ehrlichkeit. Ehrlichkeit dahingehend, dass ein Angebot die Nachfrage schafft.
Neulich hat sich tatsächlich eine der hiesigen Presseagenturen vertan und verkündet, dass entgegen aller vollmundigen, jahrzehntelangen Erklärungen unserer Regierung nicht die Arbeitsplatzanzahl gestiegen ist, sondern die Arbeit lediglich auf mehr Schultern verteilt wurde.
So wird die Ehrlichkeit in der Gesundheit dann auch lauten müssen: Je mehr Menschen sich eine Basisgesundheit teilen müssen, um so dünner wird diese Basis.
Deshalb habe ich mich ja weiter vorne darüber aufgeregt, dass einerseits die Nachfrage geschürt, das Angebot bei den gesetzlichen Krankenkassen aber geringgehalten wird. So etwas ist eben nur hier in Deutschland mit dem gegebenen Konstrukt der Pflichtversicherung möglich und deshalb werden wir auch damit leben und sterben müssen.
Und genau aus diesem Grunde habe ich mich sehr darüber gefreut, dass mittlerweile über 100.000 Unterschriften gegen das sogen. Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung gesammelt werden konnten. Unterschriften sowohl von Ärzten als auch von Versicherten / Patienten. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass es nur gemeinsam (Arzt und Patient) geht.

Frdl. Grüße
Christiane

Timmie2
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Re: Eine ehrliche gesundheitspolitische Aussage

Beitrag von Timmie2 » 25.04.15, 09:26

Christianes Herz hat geschrieben:Deshalb habe ich mich ja weiter vorne darüber aufgeregt, dass einerseits die Nachfrage geschürt, das Angebot bei den gesetzlichen Krankenkassen aber geringgehalten wird
Innovationspotenzial des neuen Qualitätsinstituts IQTiG

Das IQTiG beeinflusst direkt das Angebot der Leistungsanbieter, so können medizinische Leistungen eingeschränkt, ausgeweitet oder anders erbracht werden. Das IQTiG beeinflusst ebenso Kostenträger, die anhand von ‚Routinedaten’ Fehlentwicklungen (Über-, Unter-, Fehlversorgung) analysieren. Durch die Ausweitung der Selektivverträge (Ausbau wettbewerblicher Spielräume für Krankenkassen) wird die Wahl- und Therapiefreiheit von Patienten eingeschränkt, gesteuert durch Beitragszahlungen und Prämien. Damit erfolgt eine verdeckte und schrittweise Ausgliederung von Leistungen aus dem Leistungskatalog. Die steigende Nachfrage ebnet den Weg für weitere Privatisierung.

Die eingeschlagene politische Richtung und die Choosing Wisely-Initiative ergänzen sich perfekt.

Christianes Herz
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Re: Eine ehrliche gesundheitspolitische Aussage

Beitrag von Christianes Herz » 25.04.15, 13:08

Die Bezeichnung "unabhängig" taugt zumindest in diesem Zusammenhang nur noch zum schlechten Witz. Auch eine Art Ehrlichkeit.

Danke, Timmie.

Frdl. Grüße
Christiane

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verdeckte und schrittweise Ausgliederung von Leistungen

Beitrag von PR » 25.04.15, 18:25

aus dem Leistungskatalog

Ich weiß nicht in welchem Elfenbeinturm Sie Ihr Geld verdienen.

Die Realität an der ärztlichen Basis ist eine andere: seit Jahren kommen neue, in der Regel in Komplexpauschalen (sic!) versenkte oder strengst budgetierte Pflichtleistungen hinzu.

Seitdem ich den Kassenknecht spielen darf, sind in meinem Fach fast alle früheren Einzelleistungen in Pauschalen gesteckt worden. Gerade mal der Missbildungsschall in der 20. SSW ist neuerdings zusätzlich abrechenbar. Der damit zu erzielende Umsatz beträgt ein Zwanzigstel dessen jenseits des Rheins.

PR
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Timmie2
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Re: Eine ehrliche gesundheitspolitische Aussage

Beitrag von Timmie2 » 26.04.15, 14:21

PR hat geschrieben:Ich weiß nicht in welchem Elfenbeinturm Sie Ihr Geld verdienen.
Nicht im Gesundheitswesen (bzw. schon lange nicht mehr, obwohl's eigentlich immer ganz nett war) :P
PR hat geschrieben:Die Realität an der ärztlichen Basis ist eine andere: seit Jahren kommen neue, in der Regel in Komplexpauschalen (sic!) versenkte oder strengst budgetierte Pflichtleistungen hinzu
In unserem Gesundheitssystem existiert nicht nur ein Leistungs-, sondern auch ein Behandlungs- und ein Versicherungsmarkt :wink:

medifreak78
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Re: Eine ehrliche gesundheitspolitische Aussage

Beitrag von medifreak78 » 04.04.19, 14:40

Da ist es umso wichtiger (bei all diesen Problemchen und Problemen im Gesundheitswesen) Fachpersonal zu finden, welches geschult - aber auch gewillt ist - über den Tellerrand hinaus zu schauen. Nicht zu vernachlässigen die Pflegeproblematik, welche sich in den vergangenen Jahren schneller und schneller entwickelt. Da kann man durchaus - auch mittels gesundem Menschenverstand nachvollziehen, warum hierzulande kein Mensch Altenpfleger werden will. Solch eine Arbeit bedingt einer anderen Vergütung, welche derzeit einfach nicht gewährleistet wird. Da hilft es nur noch, sich als Betrieb im Gesundheitswesen an eine medizinische Personalvermittlung zu wenden, welche ihre Kandidaten mit Köpfchen auswählt. Damit meine ich beispielsweise ...
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